1. Liebe, unser aller Wunsch
Jede freie Stunde gemeinsam zu verbringen, für immer und ewig einander treu bleiben wollen - wer kennt nicht diese Gefühle und Wünsche am Beginn einer Partnerschaft?
Liebe ist das Fundament eines jeden glücklichen Zusammenlebens. Alle Paare wünschen sich, dass ihre Beziehung von Liebe getragen ist. Worin besteht das Geheimnis, dass die Liebe in unserer Partnerbeziehung lebendig bleibt und wächst, ohne zu erlöschen?
Liebe ist kein Luxusartikel für gutartige Menschen und sanfte Typen, Liebe ist nicht wie die Sommersprossen, die der eine bekommt und der andere nicht, ohne dass beide etwas dafür können. Sie ist das Resultat unseres Reifungsprozesses hin zu einem liebenden Menschen.
2. Die Chance der Partnerschaft
Das Potential der Liebe ist in jedem von uns angelegt, entwickelt sich jedoch nicht automatisch, sondern wir müssen eigenständig und eigenverantwortlich zu ihrer Entfaltung beitragen. Glück, Freude, Erfüllung, innere Freiheit, Unabhängigkeit, Selbstbewusstsein, Dinge, die sich jeder wünscht, sind alles Früchte, die sich aus der Entwicklung dieses innewohnenden Potentials ergeben. Die Liebesfähigkeit stellt den Kern der Persönlichkeitsentfaltung dar. Haben wir sie entwickelt, können wir Werte wie Toleranz, Hilfsbereitschaft, Aufrichtigkeit, Wohlwollen, Verständnis, Annahme und Geborgenheit mit echtem Leben füllen.
Die Partnerschaft birgt eine ungeheure Chance für die Entfaltung der Liebesfähigkeit, denn sie stellt einen idealen Rahmen dar, in der sie zur Reife gelangen kann.
In der Partnerschaft werden wir mit unseren Gefühlen, Stärken und Schwächen, mit unserem ganzen Wesen konfrontiert. Unsere Beziehung bietet uns immer wieder neue Möglichkeiten, unsere Grenzen zu erweitern und dadurch zu wachsen. Sobald die Ehe kein gemeinsamer Wachstumsprozess mehr ist, sondern ein Zustand, stirbt die Liebe ab.
Die Partnerschaft stellt eine große Chance dar, zu reifen, ganz und rund zu werden, wahre Liebe zu entfalten, die Masken, die Rollen, den Schein abzulegen und echt zu werden. Wir sind aufgefordert, uns ganz auf die Beziehung zu einem Menschen einzulassen und uns selbst zu geben. Die Partnerbeziehung ist somit ein Weg, den wir gemeinsam beschreiten, um durch die Liebe das zu werden, was wir wirklich sind, ein Wesen der Liebe.
3. Der Wechsel der Jahreszeiten in der Liebe
Eine Beziehung der Liebe ist Schwankungen und Veränderungen unterworfen, die man mit dem Wechsel der vier Jahreszeiten vergleichen kann.
Sich zu verlieben ist wie der Frühling
Wir haben das Gefühl, unser Glück kann niemals enden. Wir können uns nicht vorstellen, wie wir jemals den Partner nicht mehr lieben könnten. Unser Partner scheint unsere vollkommene Ergänzung zu sein, und alles gelingt mühelos. Wir entdecken und erleben ganz neue Gefühle, Ich und du sind eins, wir haben große Pläne und Erwartungen, das Leben hat durch dich einen ganz neuen Sinn bekommen.
Sommer
Während des Sommers unserer Liebe merken wir, dass unser Partner nicht so vollkommen ist, wie wir am Anfang gedacht hatten. Es ist die Zeit gekommen, an unserer Beziehung zu arbeiten. Es ist nicht mehr so leicht, Liebe zu geben und entgegenzunehmen. Im Sommer der Liebe müssen wir lernen, die Bedürfnisse unseres Partners zu pflegen und auch für unsere Bedürfnisse und Sehnsüchte Verantwortung zu übernehmen.
Herbst
Wenn wir im Sommer den Garten der Liebe in Ordnung halten, können wir im Herbst eine reiche Ernte einfahren. Wir erleben eine gereifte Liebe. Wir sind gemeinsam gewachsen, unsere Liebe ist tiefer geworden, wir empfinden Dankbarkeit für die Unterstützung, die wir trotz Unvollkommenheit erhalten haben.
Winter
In der Partnerschaft braucht auch jeder für sich eine Zeit der Reflektion und der inneren Erneuerung. Es ist die Zeit, in der wir unseren eigenen Schmerz und Schatten verstehen und annehmen lernen, es ist der Prozess des einsamen Wachstums. Ein neuer Frühling bahnt sich an, und wir verlieben uns in einen neuen Aspekt unseres Partners. Durch die Entwicklung, die jeder Partner für sich vollzieht, bleibt die Beziehung schließlich lebendig.
Sobald sich herausstellt, dass der Partner nicht dem Bild entspricht, das wir uns von ihm gemacht haben, folgt ein Gefühl der Enttäuschung und des Zweifels, ob wir den richtigen Partner gewählt haben. Es fällt uns schwer, den Partner so anzunehmen, wie er ist.
In diesen Perioden erleben wir die Grenzen unserer Liebesfähigkeit. Es zeigt sich, dass wir noch nicht die Voraussetzungen der bedingungslosen Liebe erfüllen, die wir uns anfangs gegenseitig versprochen haben. Wenn wir uns in einer solchen Situation nicht bewusst für den Weg der Liebe entscheiden, wird die Beziehung langweilig, konfliktbeladen und ist gefährdet, früher oder später in einer Trennung zu enden.
4. Verantwortung für uns selbst übernehmen
Die Liebe hat keine Chance, wenn wir in dieser Situation nicht für die Gefühle der Enttäuschung Verantwortung übernehmen. Solange ich den Partner für mein Glück verantwortlich mache, werde ich ihm auch die Verantwortung für mein Unglück zuschieben. Wir verhalten uns dem anderen gegenüber nicht liebevoll, wenn wir ihm die Schuld für unser Unglück geben. Anklage, Beschuldigung, Drohungen, Rückzug und vor allem, den anderen ändern zu wollen, sind deutliche Zeichen, dass ich die Schuld beim anderen suche. Ein Überdenken der Einstellung ist notwendig geworden. Verantwortung übernehmen bedeutet, nicht zu warten, dass der Partner alle Wünsche von den Augen abliest, sondern zu lernen, die eigenen Wünsche klar auszudrücken. Es bedeutet auch, negative Emotionen wie Ärger, Trauer und Angst Raum zu geben, sie nicht zu verdrängen, sondern sie anzunehmen und zu lernen, miteinander respektvoll darüber zu reden. Zu unserer Überraschung werden wir entdecken, dass auch der Partner eine ähnliche Enttäuschung mit uns erlebt. Beginnen wir in dieser Situation, uns gegenseitig so anzunehmen wie wir sind, anstatt den anderen ändern zu wollen, kann der Fluss der Gefühle, wie er anfänglich schon vorhanden war, wieder fortgesetzt werden.
In einer Situation, die der des Winters entspricht, ist ein liebevolles Verhalten mir selbst gegenüber angesagt. Die Aussage: "Liebe den Nächsten wie dich selbst", oder genauer: Liebe den Nächsten so, wie du die Fähigkeit hast, dich selbst echt zu lieben, drückt diese Notwendigkeit klar aus. Gehe ich mit meinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen artgerecht und liebevoll um, dann verwirkliche ich die Selbstgefühle wie Selbstachtung, Selbstvertrauen, Zufriedenheit und innere Freiheit. Übertrage ich diese Liebe, dieses harmonische Selbstgefühl auf den Nächsten, bin ich zu ihm wohlwollend, aufrichtig, gerecht, hilfsbereit, tolerant und aufgeschlossen, und es wird mit ihm eine liebende Beziehung möglich.
5. Mut zur Individualität - Mut zur Eigenständigkeit
Auf dem Weg der Entwicklung unserer Individualität neigen wir dazu, die Befriedigung unserer Bedürfnisse vorwiegend von unserem Partner zu erwarten. Erst wenn wir nach den Stärken und Fähigkeiten in uns selbst suchen, die wir in der Partnerschaft vermissen, verlangen wir nicht mehr, dass unser Partner sie alleine einbringen soll.
Eine wirklich gute Partnerbeziehung kann nur zwischen zwei starken und unabhängigen Menschen bestehen, die nicht versuchen, den anderen nach den eigenen Vorstellungen zu formen, sondern die in der Lage sind, sich gegenseitige emotionale Unterstützung zu geben, gleichzeitig aber die Individualität des anderen zulassen, fördern und sich daran erfreuen können. Menschenoriginale sind schön, Menschenkopien sind langweilig.
Beginne ich, die Bedürfnisse meines Partners - wie Vertrauen, Fürsorge, Akzeptanz, Verständnis, Anerkennung, Respekt u.a. genauso zu respektieren wie die meinen und sie auf meine ganz persönliche Art zu befriedigen, dient das der Entfaltung meiner Liebesfähigkeit. Gleichzeitig lege ich dadurch den Samen dafür, dass der Partner auf meine Bedürfnisse eingehen kann, um mir die nötige emotionale Unterstützung zu geben, die ich brauche.
Mut zur Individualität bedeutet, dass wir nicht alles gemeinsam machen müssen, und dass wir es nicht als Mangel der Liebe bewerten, wenn der Partner nicht dieselbe Begeisterung wie wir selbst an einer Sache finden kann. Es heißt, dass wir Raum geben, damit jeder auch seine Hobbys und Interessen pflegen kann. Partnerschaft bedeutet Gleichberechtigung, d.h. die Interessen und Veranlagungen des Partners müssen genauso ernst genommen werden wie die eigenen, und in kreativer Weise muss ein gemeinsamer Weg zur Erfüllung der unterschiedlichen Bedürfnisse gefunden werden. Das kann darin bestehen, dass man unterschiedlich auf die Verlangen seines Partners Rücksicht nimmt und zur Erfüllung seiner Bedürfnisse beiträgt oder aber Lösungen findet, wie die verschiedenen Wünsche gemeinsam erfüllt werden können.
6. Gemeinsamkeiten aufbauen
Es fällt immer wieder auf, wenn junge Ehen schon früh in Scheidung enden, dass es diesen Paaren nicht gelungen ist, das Bewusstsein für das "Wir", eine Verbundenheit in Liebe, Freiheit und Verantwortung zu entwickeln. Wir Menschen gehen im Laufe unseres Entwicklungsprozesses durch verschiedene Phasen. Als Kind durchlaufen wir die Phase der Abhängigkeit. Wir sind auf Bezugspersonen wie Eltern angewiesen und vordergründig auf uns selbst konzentriert. Kommt es in dieser Phase zu einer Sättigung unserer emotionalen Bedürfnisse, und sind wir in liebevoller Weise an ein soziales Verhalten, das Respekt und Rücksichtnahme beinhaltet, herangeführt worden, haben wir gute Ausgangsbedingungen, um durch die nächste Phase zu gehen. Das ist die Phase der Eigenständigkeit, der Loslösung von den kindlichen Verhalten und Einstellungen, die Phase der Selbstfindung. Erleben wir auch in dieser Phase das nötige Verständnis von Seiten der Erwachsenen und die nötige Unterstützung, dann haben wir gute Voraussetzungen, unseren Charakter und unsere Persönlichkeit zu festigen, um uns dann in Liebe, Freiheit und Verantwortung mit einem Partner zu verbinden.
Wenn wir in unserem Reifungsprozess nicht durch die Phase der Abhängigkeit und der Eigenständigkeit hindurchgegangen sind, besteht die Gefahr, ständig unseren Willen durchsetzen zu wollen und allzu sehr den eigenen Zielen verpflichtet zu sein, ohne die Ziele des Partners integrieren zu können. Ohne dem anderen gegenüber großzügig zu sein und gemeinsame Aufgaben ins Auge zu fassen, bleibt auf die Dauer Distanz. Es entsteht keine Geborgenheit und Nähe.
Stabile Beziehungen können nicht auf der Leidensfähigkeit des Partners aufgebaut werden. Gemeinsamkeit kann nicht bedeuten, dass zwei das tun, was von einem allein bestimmt wird. Die Garantie für eine stabile und erfüllende Partnerschaft besteht nicht so sehr darin, inwieweit wir den richtigen Partner gefunden haben, der zu uns passt, sondern vielmehr darin, inwieweit es uns in der Partnerschaft gelingt, Gemeinsamkeiten zu erarbeiten und gemeinsam in der Liebe zu reifen.
Gemeinsamkeit entsteht durch Teilen. Teilen von Liebe, von gemeinsamen Idealen, von gemeinsamen Visionen, von gemeinsamen Werten und von gemeinsamen Aufgaben. Wenn wir eine Partnerschaft nicht als oberflächliche Ergänzung einrichten, kann sie uns auf existentielle Lebensfragen Antworten geben, die uns zu geben wir alleine außerstande sind. Der Mensch ist da, um zu lieben. Wenn er nicht liebt, lebt er nicht und kann wichtige Lebensfragen für sich nicht beantworten. Gemeinsamkeiten entstehen durch bewusste Auseinandersetzung mit dem anderen: Durch Fürsorge und durch Begegnung mit dem anderen als einem, der sich im Prozess des Wachstums befindet.
Verbundenheit, Vertrautheit und Intimität sind die Früchte solcher Beziehungen. Starke Verbundenheit mit einem anderem bedeutet, dass mir das Wohl und das Weh eines anderen am Herzen liegt. Damit ist gemeint, dass ich Dinge tue, die das Weh vom anderen fernhalten und das Wohl fördern, ohne in die Eigenverantwortung des anderen einzugreifen, d.h. ohne die Würde des anderen zu verletzen.
7. Verbindlichkeit
Persönliches Wachstum ist von verbindlichen, beständigen Beziehungen abhängig. Kinder können nicht in einer Atmosphäre der Unzuverlässigkeit das nötige Urvertrauen in sich aufbauen und zur persönlichen Reife gelangen. Auch die Reifung der Liebe innerhalb einer Partnerschaft ist von beständigen Beziehungen, von der Fähigkeit sich zu binden abhängig. Liebe und Treue bedingen sich gegenseitig. Es ist nicht allein die Liebe, die die Partnerschaft aufrechterhält, sondern eine verbindliche Beziehung gibt der Entfaltung der Liebe einen Rahmen, wodurch sie zur Vollendung reifen kann. Verbindlich handeln können wir nur dann, wenn wir uns unseren eigenen Idealen und Versprechungen treu bleiben. Die eheliche Liebe und die eheliche Treue festigen und umschließen die Gemeinsamkeiten, die wir uns in der Partnerschaft erarbeiten und geben unserer Partnerschaft das Prädikat der Einmaligkeit, der Einzigartigkeit und der Würde, wie sie uns als Mann und Frau entsprechen.
8. Sich für die Liebe entscheiden, sich dem Leben öffnen
Liebe als Weg zu einer erfüllten Partnerschaft ist auf Echtheit gegründet, wenn sie nicht auf die Beziehung zum Partner begrenzt bleibt. Partnerliebe ist nicht eine Verengung der Menschheitsliebe, sondern ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Menschheitsliebe. Sich für die Liebe zu entscheiden ist unteilbar. Es bedeutet Zuwendung, Achtsamkeit, Anteilnahme und Wohlwollen - in angemessener Weise - allen Geschöpfen und Dingen gegenüber, es beinhaltet aufrichtiges Geben ohne zu fordern und zu erwarten. Daraus entsteht Nähe und Geborgenheit. Dieser Weg bedeutet Achtung vor der Persönlichkeit und Einzigartigkeit des anderen, seinen Reifungsprozess mit Geduld zu fördern und ihm seine Fehler zu verzeihen. Es erfordert Offenheit, um voneinander zu lernen, sowie Dankbarkeit für alles, was einem begegnet.
Text von Siegfried Klammsteiner (Begründer und Leiter des "Instituts zur Förderung sozialer Kompetenz" www.sokom.net) und Thomas Schuh
Quellen:
M. Scott Peck, Der wunderbare Weg, München 1993
Erich Fromm, Die Kunst des Liebens, Berlin 1996
John Gray, Männer sind anders, Frauen auch, München 1993
Daniel Golemann, Emotionale Intelligenz, Wien 1995 S.
Minuchin / M. Nichols, Familie - die Kraft der positiven Bindung, München 1993